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Afghanistan: Haus der Afghanen

Delegationsreise im Mai 2013

Eindrücke und Informationen aus erster Hand – davon haben wir nicht viel, wenn es um Afghanistan geht. Deshalb beteiligte pax christi sich im Mai 2013 durch die Teilnahme von Generalsekretärin Christine Hoffmann an einer einwöchigen Delegationsreise der Friedensbewegung nach Kabul. Hier ihr Bericht.

„Sie wissen ja gar nicht wie es in Afghanistan ist!“ Welche Friedensbewegte hat sich das noch nicht sagen lassen müssen? Überlegen auftretend, sind die Fragenden meist vom Erfolg des ISAF-Mandats überzeugt und behaupten, „die Afghan/innen“ seien das auch. Ich war infolge dessen tatsächlich sehr gespannt, was mir begegnen würde und ob sich meine Position verändern würde. 

Hier nun meine wichtigsten Eindrücke in aller Kürze. Wer mehr hören mag, lade mich gerne zu einem Diavortrag ein! 

In Afghanistan gibt eine aktive Zivilgesellschaft. Es wird diskutiert und Frauen sind daran beteiligt. Diese Kräfte finden hierzulande kaum Aufmerksamkeit.

Es gibt sogar Friedensbewegung. Mehrere Gruppen haben sich 2009 als „Peace and humanitarian Organisations“ zusammengeschlossen und bereits zwei internationale Konferenzen organisiert. Zur Europäischen Afghanistan-Konferenz im April 2014 in Straßburg haben wir einige Aktive eingeladen.

Der Wunsch nach einem souveränen inner-afghanischen Prozess, um Frieden und Demokratie zu schaffen, wurde von allen afghanischen Gesprächspartner/innen formuliert. Ebenso deutlich und häufig wurde die Ablehnung amerikanischer Militärbasen und die damit verbundene dauerhafte Präsenz westlicher Truppen formuliert.

Die Politik der Internationalen Allianz wird als Entmündigung der Afghanen erlebt. „Als das Volk nicht verstand, dass Warlords in die Regierung geholt wurden, hat es geheißen, wir seien Analphabeten, davon würden wir nichts verstehen...“ Dr. Faruq Azam

„Wir haben aus der Vergangenheit gelernt – es wird nicht mehr zu einem Bürgerkrieg und Kämpfen wie in den 90ern kommen.“ Das sind die Worte von Dr. Faruq Azam, dessen Klassifizierung von Bürgerkriegsszenarien als Nato-Propaganda mich am stärksten beeindruckt hat. „Es ist die Propaganda des Westens, die uns in die 90ger zurück katapultiert. Wir haben gelernt, einen Bürgerkrieg wie damals wird es nicht geben. Die Menschen wollen zusammen leben.“ Faruqs Überlegungen sind exemplarisch. 

Die Wahrnehmung der Internationalen Gemeinschaft als Besatzung ist in der Kabuler Zivilgesellschaft viel verbreiteter als ich dachte. Präsenz und das Verhalten und Vorgehen der internationalen Truppen – genannt werden dabei vorwiegend die Amerikaner – werden nicht als unterstützend, sondern als feindlich rezipiert. Genannt werden dabei insbesondere Luftangriffe, nächtliche Hausdurchsuchungen und der Drohnenkrieg. 

Was ist mit den Frauenrechten? Zwischen den verbrieften Rechten von Frauen und ihrer realen Lage klafft ein riesiger Graben. Häusliche Gewalt und Bestrafung der Frauen statt der Täter sind immens verbreitet. Eine konservative Parlamentsmehrheit gefährdet den erreichten gesetzlichen Standard. Gruppen wie Medica Afghanistan beraten und unterstützen Frauen, die Gewalt erfahren haben und setzen sich dabei allerdings selbst hohen Risiken aus. 

Was sagen die Taliban heute? Die Erfahrung ihrer Regierungszeit war grausam. Für das Treffen mit Wahil-Ahmad Mutawakal, dem ehemaligen Taliban-Außenminister, hatte ich mir vorgenommen, die Frauenrechte anzusprechen. Zu meiner Verblüffung war die erste Antwort: „Wir haben Fehler gemacht“. Bildung und öffentliche Präsenz von Frauen sieht er heute als vernünftige Rechte an, solange sie sich nach muslimischer Sitte kleiden. 

Kommen die Taliban zurück? Falls dieses Szenario eintritt, wird wichtig, dass die Taliban keine Lernprozesse in Demokratie gemacht haben. Ich habe keine Anzeichen dafür gehört, dass Taliban etwas anderes als eine Alleinherrschaft akzeptieren wollen. Kein Koalitionspartner wäre für sie akzeptabel. Das ist erschreckend. Deshalb frage ich mich, was die internationale Gemeinschaft tut, um dies zu ändern. Was macht die deutsche Bundesregierung? Ein wichtige Partner der Taliban, Saudi- Arabien, wird hofiert und aufgerüstet: G36 Sturmgewehr-Fabrik von H&K, Grenzzaun High Tech von EADS und bald 270 Leopard-II-Panzer von Krauss Maffei Wegmann und Rheinmetall für die Diktatur? Aus solcher Politik können Taliban keine anderen Schlüsse ziehen, als dass eine solche Herrschaft im Westen akzeptiert wird – oder? Schöne Reden wirken eben weniger als harte Fakten und die Saudis gelten der Bundesregierung als Stabilitätspartner erster Güte.

Dieser Krieg wird als Kampf gegen den Islam und damit der eigenen Identität empfunden. Mir als Vertreterin der katholischen Friedensbewegung wurde entgegen gehalten: „Bedenken Sie, dass dieser Nato-Krieg gegen den Islam dem Ansehen des Christentums in der Welt schadet“. Diese Wirkung des Krieges wird hierzulande noch viel zu wenig gesehen.

Christine Hoffmann nimmt gerne Einladungen an und berichtet näheres bei einem Dia-Vortrag.

Die Reise nach Kabul fand vom 16. -23.05.2013 statt. 

Teilnehmer/innen waren:

Karim Popal (afghanischer Rechtsanwalt/IALANA, lebt in Deutschland und hat die Opfer des Kunduz-Attentats gegenüber der Bundesregierung vertreten), Otto Jäckel (Rechtsanwalt/IALANA), Wahida Kabir (afghanischer Frauenhilfe Verein und deutsch-afghanisches Friedensnetz, Mitglied der Kommission für Frieden und Freiheit in Afghanistan, lebt als Afghanin in Deutschland), Reiner Braun (IALANA), Kristine Karch (INES), Farrida Sulemann (Schwester von Wahida Kabir), Christine Hoffmann (pax christi-Generalsekretärin).

Unsere Gesprächspartner/innen in Kabul:

Ansefa Kaker, Richterin am obersten Gericht Afghanistan 

Professoren der Salem Universität

Afghanische islamische Ärztevereinigung (AIMA) 

Faruq Azam, Vermittler bei den Friedensbemühungen, Mediator, Gründer von ZA‘AAMAT

Reformvereinigung im Bildungs- und Wissenschaftsbereich

Verein für die Rechte der politischen Gefangenen

Nationale Einheitsfront gegen die Stationierung fremder Truppen nach 2014

Solidaritätspartei 

Wahil-Ahmad Mutawakal, ehemaliger Außenminister der Taliban 

Dachorganisation der Zivilgesellschaft Afghanistan / Peace and humanitarian Organisations Afghanischer Frauenverein

Botschafter der Bundesrepublik Deutschland 

Abdul Salam Zaeef, Pressesprecher der Taliban Regierung von 2001

Medica Afghanistan 

Afghanistan Analyst Network

Professorinnen und Professoren der schiitischen Gruppe

Center for Strategic and Regional Studies

Auswärtiges Amt der Islamischen Republik Afghanistan

Minister im Präsidialamt