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Impuls zum 27. September 2026

Zum 26. Sonntag im Jahreskreis

Von Pater Laurentius Höhn, Braunschweig

Einleitung
Im Altarkreuz unserer Dominikanerkirche Albertus Magnus in Braunschweig erkennt der betrachtende Mensch eine wichtige Verbindung der „profanen Welt“ mit dem sakralen Raum. Der Künstler Gerd Winner hat in dem figurlosen Riesenkreuz Straßenspuren, also unser „täglich Brot“ als Markierung im öffentlichen Verkehr, in verschiedenen Facetten und Richtungen angebracht. Wer davor steht, ist eingeladen, seine Wege des Herkommens auf den Straßen dieser Welt Revue passieren zu lassen, und sie mit der Persönlichkeit in Verbindung zu bringen, der als Friedensfürst im Johannesevangelium betont, dass er der Weg ist. In dieser Perspektive können wir Gottesdienst feiern. In biblischer Vergewisserung sind wir Zeitgenossinnen und Zeitgenossen einer Aktualität, die uns wahrscheinlich momentan mehr rüttelt und schüttelt, als es unsere Friedensseele verträgt. Ein Trost mag sein, dass wohl zu allen Zeiten Ideal und Wirklichkeit in großer Lücke zueinanderstanden, aber das biblische Wort immer einen Zuspruch formulierte, der sich letzten Endes nur in Wirklichkeit vollenden wird, wenn der Dreieinige Gott seine Schöpfung in Beharrlichkeit und Langmut durch die kreativen Gaben des Geistes bereichert.

Gebet
Herr, es ist auch ein Zögern in unseren Formulierungen, wenn wir den Sohn als den Friedensfürsten ansprechen. Es ist so manches Mal ein Zaudern in unseren Anreden, wenn wir im Gebet den Heiland loben und preisen. Wirklichkeiten zeigen uns Distanz von dem Gewünschten und Erhofften. Wir bitten um Vertrauen, dass Dein Wort letzten Endes siegreich sein wird, und die Verheißungen sich erfüllen, die uns die Offenbarung aufzeigt. Darum bitten wir durch Christus unseren Bruder, den Herrn.

Lesung aus dem Buch Ezéchiel
So spricht der Herr:
25Ihr sagt: Der Weg des Herrn ist nicht richtig.
Hört doch, ihr vom Haus Israel:
Mein Weg soll nicht richtig sein?
Sind es nicht eure Wege, die nicht richtig sind?
26Wenn ein Gerechter
sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut,
muss er dafür sterben.
Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben.
27Wenn ein Schuldiger
von dem Unrecht umkehrt, das er begangen hat,
und nach Recht und Gerechtigkeit handelt,
wird er sein Leben bewahren.
28Wenn er alle seine Vergehen, die er verübt hat,
einsieht und umkehrt,
wird er bestimmt am Leben bleiben.
Er wird nicht sterben.

Predigtimpuls
Mein Vater war ein nachdenklicher Mensch. Geboren 1934 in Berlin erlebte er den Schrecken des Krieges als Kind. Bis zu seinem Tode erhielt er sich aber auch die Wachheit in der Überlegung, wie sich denn nun Gerechtigkeit in unserem Leben, unserem Handeln und auch in unserer Frömmigkeit thematisieren oder einfordern lässt. Den Theologensohn fragte er daher mal in einer Stunde der Nachdenklichkeit, ob denn einer der schrecklichsten und bösesten Menschen der Weltgeschichte, der Tyrann und Massenmörder Adolf Hitler vielleicht doch Vergebung durch Gott erfahren hat, wenn er in den letzten Minuten seines Lebens im Führerbunker auf die Knie gesunken ist und bereute und bekannte, was er getan hat, also so etwas wie eine Umkehr im Sinne des Propheten Ezechiel signalisierte. 

Die Annahme mag uns verrückt vorkommen, und nicht wenige von uns können sich wahrscheinlich den Verlauf der letzten Stunde des bösen Diktators nun ganz und gar nicht in dieser Intention vorstellen. Mir geht es genauso. Aber hinter der sonderbaren Frage meines Vaters und dem übrigens ausweichenden Antworten meinerseits, dass ich ja nicht Gott wäre und ich diese Entscheidung dem Weltenrichter überlassen würde – hinter dieser Frage verbirgt sich doch eine große Auseinandersetzung in unserem Innern, die wir sicher alle schon im Herzen erwogen haben. 

Wie weit reicht denn die Vergebungsbereitschaft Gottes gegenüber dem sündigen Menschen und hat diese dann irgendetwas mit unseren Vorstellungen von Gerechtigkeit zu tun? Ich ertappe mich, gerade in den Wirren der Aktualität, bei sehr eindringlichen Vorstellungen, die mit einer großen moralischen Strenge daherkommen. Und wer kann es uns verdenken, dass wir kriegstreibende Despoten, die ihr eigenes und andere Völker in den Tod schicken, im Diesseits zumindest eine schwere Krankheit als Ende ihres schrecklichen Tuns wünschen, oder gar endgültiger den Ort, den wir mit großer Unschärfe als gottferne Hölle beschreiben würden, so schwierig dieses Denken auch sein mag. 

Was ist eine echte Umkehr und wann hat sie wie stattzufinden? Wie bemerke ich Authentizität im Bemühen bei einem anderen Menschen, wenn doch so vieles momentan in unserer Gesellschaft endgültig böse, verbohrt, gehässig, rassistisch und menschenverachtend wirkt? In den Sozialen Medien, die sicher auch die eine oder der andere von uns täglich, zumindest überblicksartig „konsumiert“, erlebe ich geradezu die Verneinung des Anstands und all der Prinzipien, die mir meine braven Eltern und wenn man so will, auch mein Christsein beigebracht haben. Ein Opfer der Nazibarbarei, wie z.B. Anne Frank, deren gewaltsamer Tod im Deportationslager zum billigen Scherz umgewidmet wird, oder aber die um sich greifenden Tötungs- und Gewaltfantasien, die im Hinblick auf einen politischen Gegner im weltweiten Netz veröffentlicht werden: Ich werde zunehmend ratloser, wohin unsere Gesellschaft driftet, und mir scheint, dass die Friedensbotschaft der Bibel sich geradezu als fromme Wunschwolke verflüchtigt und schlicht nur schwer zu glauben ist. 

Gewalt und Hass, Krieg und Rassismus sind Argumente gegen die Kapazität des Menschen einem moralischen Tun gerecht zu werden, dass durch Solidarität und Nächstenliebe im Geiste Jesu gekennzeichnet ist. Wir sollten ehrlich genug sein, uns diese Verzweiflung auch einzugestehen, denn darin liegt für mich letzten Endes noch kein billiger Trost, aber eine Aufrichtigkeit, die ich aussprechen darf in den Kreisen, wo ich mich von Verständnis und Verstand getragen weiß. Wenn biblische Erfahrung der Geschichte Gottes mit den Menschen allerdings durchgehend das Ringen des Menschen auch mit der Andersartigkeit Gottes zum Thema hat, wenn z.B. als prägnante Erzählung im reißenden Fluss der Betrüger Jakob mit der göttlichen Person ringt (und siegt), wenn uns die schändliche Hinrichtung eines jungen Erwachsenen als Weisheit Gottes näher gebracht wird, und dieses Kreuz durch zweitausend Jahre in dunkelsten Stunden Zeuginnen und Zeugen des Glaubens wie z.B. Alfred Delp, Dietrich Bonhoeffer oder Edith Stein eine von der Nachwelt kaum einzuschätzende Kraft gab, dann ... ja dann mischt sich in meine Frustration über den Ist-Zustand der Welt dennoch so etwas wie ein Hoffnungsanker und das Offenhalten einer Wahrscheinlichkeit, dass Gott Menschenherzen bewegen kann, wie einst die Propheten das Volk zur Neuausrichtung bewegten. Ich will mich bemühen im Gebet zu artikulieren, dass Gott die Herzen vieler Menschen, halt auch der bösen und todbringenden, erreichen kann. Und ich will es ihm, dem Schöpfer, überlassen, dass er Umkehr akzeptiert, die irdische Früchte bringt, und unsere Welt etwas friedlicher und versöhnlicher stimmt. So ein Gebet gelingt mir nicht immer allein, aber ich vertraue auf meine Mitschwester und meinen Mitbruder, ob bei pax christi oder anderswo, dass immer irgendwo in einer Minute unserer Existenz so ein Wunsch an Gott herangetragen wird. Amen

Als prägnante Fürbitte lade ich uns ein, über diesen einen Satz in der nächsten Woche nachzusinnen, der uns aus Plötzensee in Berlin vom großen Jesuiten Alfred Delp aus der Geschichte „anweht“: 

„Lasst uns dem Leben, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt“.