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Impuls zum 29.03.2020

zum 5. Fastensonntag

von Veronika Hüning (Höhbeck im Wendland), pax christi Diözesanverband Hildesheim

 

„Schaffe Recht mir, Gott!“

„Judica (me)“ = „Schaff Recht mir, Gott!“ – So heißt der 5. Fastensonntag, den wir am 29. März begehen. An wen denke ich, wenn ich diesen flehentlichen Ruf, diesen Aufschrei höre?

Ich denke an die Menschen, die an der türkisch-griechischen Grenze gestrandet sind, die mit Tränengas und Geschossen vertrieben werden sollen, denen ein Weg in mehr Sicherheit und ein menschenwürdiges Leben versperrt wird. Aus den Medien, die fast ausschließlich von der Corona-Pandemie beherrscht werden, sind sie verschwunden. Ich denke an die Menschen im Jemen, die unter Krieg, Hunger und Krankheiten leiden. An die Menschen in Palästina, deren Menschenrechte immer wieder verletzt werden und denen die Hoffnung auf einen gerechten Frieden abhandenkommt. Ich denke an die Menschen, die ihre Meinung nicht frei äußern dürfen, und an verfolgte Minderheiten, die für ihre Überzeugungen ins Gefängnis kommen. Und an alle, denen durch unser Wirtschaftssystem strukturelles Unrecht zugefügt wird, Armut und Not.

„Schaff Recht mir, Gott!“ – Das erinnert mich an eine Bitte, die wir im Vaterunser sprechen: „Dein Reich komme!“ Wenn ich so bete, denke ich oft: Es komme? Wie von selbst? Ohne dass wir Menschen es aufbauen? Daran mit bauen? Im Studium habe ich gelernt: Keine Vaterunser-Bitte will oder kann Gott zu etwas bewegen, das er nicht ohnehin tut. Jede Bitte ist Ausdruck des Gottvertrauens. Deshalb bete ich gerne: „Dein Reich wird kommen, das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.“ So gebe ich meiner Hoffnung Ausdruck und bestärke sie zugleich.

Könnte ich am nächsten Wochenende den katholischen Gottesdienst in Dannenberg besuchen, so würde ich das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus hören. Da heißt es: „Jesus erwiderte ihr [Marta]: Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Der Theologe Winfried Bader hat dazu etwas mich Berührendes geschrieben: Jesus habe nicht von einer Auferstehung am Jüngsten Tag und vom ewigen Leben gesprochen; er „steht im Jetzt mitten unter den Menschen. Er ist der Sohn des Vaters, der lebendig macht (Joh 5,21). Dieses Lebendig-  Sein geschieht im Jetzt, in der – gläubigen – Beziehung zu Jesus, im Lieben, Weinen und Erschüttert-Sein mit ihm, im Mitleiden mit anderen Menschen, in der Gemeinschaft derer, die in seinem Namen füreinander sorgt.“

Quelle: https://www.bibelwerk.de/fileadmin/sonntagslesung/a_fastensonntag.5_e_joh.11.pdf

 

Prophet Ezechiel und Römerbrief des Paulus

Im Erschüttert-Sein, im Mitleiden, im Lieben, in der fürsorglichen Gemeinschaft lebendig sein – das kann ich sowohl auf die Situation in der Corona-Krise beziehen als auch auf mein Einstimmen in den Aufschrei der entrechteten Menschen überall auf der Welt.

Hätte ich am nächsten Wochenende Dienst als Lektorin in Dannenberg, würde ich aus dem Propheten Ezechiel und aus dem Römerbrief des Paulus lesen.

Ezechiel spricht zum jüdischen Volk im Exil, das sich in der Fremde wie tot und begraben fühlte. Es hört die Verheißung: „Ich gebe meinen Geist in euch, dann werdet ihr lebendig und ich versetze euch wieder auf euren Ackerboden. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin.“ Auch heute hoffen Menschen auf eine solche Befreiung, auf vertrauten Boden unter den Füßen oder eine neue Heimat. Wenn es Gottes Geist ist, der so lebendig machen kann, dann ist es ein Geist der Hoffnung, des Mutes, des Vertrauens. Des Vertrauens in eine gute Zukunft und des Vertrauens auf solidarische Menschen.

Mit dem Paulusbrief habe ich meine Schwierigkeiten, da er so von dualistischen Vorstellungen geprägt ist, von dem Gegensatz zwischen ‚Fleisch‘ und ‚Geist‘. Zitieren möchte ich nur einen Zuspruch an die christliche Gemeinde in Rom: „… da ja der Geist Gottes in euch wohnt“ (…, werdet ihr lebendig sein). Was bewirkt die göttliche Geistkraft, wenn sie auch in uns wohnt? Ich glaube, sie inspiriert uns, sie bewegt uns zu stärkenden Worten und hilfreichen Taten – hier und jetzt, für die Menschen, die es brauchen. Das kann kein Corona-Virus verhindern!

Verhindert hat es allerdings die geplanten Ostermärsche in 2020. Wie gern wäre ich am 11. April in der Südheide unterwegs gewesen, mit Hunderten von Mitstreiter*innen „gegen Menschenverachtung, Atomwaffen und Rüstungsproduktion“! Erinnern woll(t)en wir an die Befreiung des KZ Bergen-Belsen vor 75 Jahren und an den ersten Ostermarsch nach Bergen-Hohne vor 60 Jahren. Protestieren woll(t)en wir gegen die Waffenproduktion bei Rheinmetall in Unterlüß seit 1899 und gegen die unheilvollen Rüstungsexporte. Ich hatte schon den Song im Ohr: „Hejo, leistet Widerstand, gegen die Atomwaffen im Land! Schließt euch fest zusammen, schließt euch fest zusammen!“ Physisch wird das Zusammenschließen nicht möglich sein. Körperliche Nähe, unterhaken, umarmen – alles verboten. Aber „im Geist“ können wir uns fest zusammenschließen! Wir können uns am virtuellen Ostermarsch beteiligen, den die Friedenskooperative organisiert; wir können uns, auch wenn wir zu Hause bleiben müssen, im Gebet oder im Schweigen miteinander verbinden; wir können Symbole des Friedens sichtbar machen, in unseren Fenstern und in den Medien. So nehmen wir Paulus beim Wort: „Der Geist Gottes wohnt in euch.“

Leider musste auch das sonntägliche Gorlebener Gebet bis auf Weiteres ins Internet verschoben werden. Für den 29. März bin ich mit der Gestaltung an der Reihe gewesen. Ich schlage vor, das Vaterunser im Indikativ zu beten:

Gebet

Gott, du bist wie ein guter Vater. Nicht nur für uns, sondern für alle Menschen auf der Erde.
Wir sehen dich nicht, aber wir können deine Nähe spüren.
Du bist heilig. Deshalb sprechen wir deinen Namen mit größter Achtung aus.
Dein Reich wird kommen, das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.
Dein Wille geschieht überall, wo du wirkst: im Himmel und hier unter uns.
Du gibst uns, was wir zum Leben brauchen.
Du vergibst uns, wenn wir Unrecht getan haben. So wollen auch
  wir denen vergeben, die uns verletzt oder Schaden zugefügt haben.
Du führst uns durch alle Herausforderungen im Leben.
Du wirst einmal die ganze Welt von allem Bösen befreien.
Dafür danken wir dir schon heute. Amen.

Segen

Stellt euch nun unter Gottes Segen, der sein Angesicht über euch leuchten lässt:
der Vater und Schöpfer,
der Sohn und Erlöser
und der Heilige Geist, die Kraft, die Frieden schafft.
Amen.

Liedvorschlag

„Meine Hoffnung und meine Freude“

„Christus, meine Zuversicht, dir vertrau ich und fürcht‘ mich nicht!“