Landtagswahlen
Der folgende Text stammt aus dem Sommer 2026 und beschreibt die Situation in Sachsen-Anhalt zu Wahlkampfzeiten. Diese Zeiten sind zwar hier vorbei, doch die Schlussfolgerungen und offenen Fragen bleiben aktuell – und es stehen noch andere Wahlen an.
Christine Böckmann
Es ist eine schwer erträgliche Gleichzeitigkeit: Da ist eine als extremistisch eingestufte Partei, die vor Kraft kaum laufen kann und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Da kippen Menschen in Social Media und in Begegnungen ungefragt ihre Wut und ihren Hass über andere aus. Da ist viel Gemecker über aktuelle Probleme – ohne Bereitschaft, an Problemlösungen mitzuwirken. Da ist der übliche Alltagsrassismus, die alltägliche Menschenfeindlichkeit bis hin zur Gewalt. Da wachsen die Angst vor einer entscheidenden Landtagswahl und die Bereitschaft, die Koffer zu packen und wegzuziehen.
Und da ist gleichzeitig eine aktive, demokratische Zivilgesellschaft, die sich zusammenschließt, eigene Themen setzt, kreative Ideen entwickelt und umsetzt, und Unterstützungsnetzwerke organisiert. Bildungs- und Kultureinrichtungen positionieren sich öffentlich für Weltoffenheit. Gedenkstätten starten selbstbewusst eine Kampagne für Erinnerungsarbeit. Musiker:innen und Bands veröffentlichen jeden Sonntag ein neues Lied mit Haltung Lieder aus Sachsen-AnHALTUNG. Ein riesiges, aufgeblasenes Nashorn, das an das Theaterstück von Eugène Ionesco erinnert, geht als Kunstwerk auf Tour und lockt Kulturtourist:innen aus Nachbarbundesländern an. Private Initiativen entwickeln Postkarten zur Aufklärung. Menschen klingeln an fremden Wohnungstüren, um ins Gespräch zu kommen. Zivilgesellschaft und Bildungseinrichtungen organisieren Gesprächsformate, Fachveranstaltungen, Begegnungsmöglichkeiten, Fortbildungen, Demonstrationen, Demokratiefeste … Seit den über 20 Jahren, in denen ich in diesem Bundesland lebe, habe ich diese Zivilgesellschaft noch nie so lebendig und so kreativ erlebt wie jetzt.
Unterstützung für die Zivilgesellschaft
Gleichzeitig schauen wir sorgenvoll und bemühen uns, Worst-Case-Szenarien zu entwickeln – und natürlich muss dabei die normale Arbeit auch getan werden.
Von außen gibt es die üblichen Klischees („Der Osten halt“), schlaue Ratschläge („Kennt ihr die Sardinenbewegung aus Italien? Die haben einfach viele Menschen auf die Straße gebracht.“), gruselige Diskussionen auf der Metaebene („Wenn dann eine autoritär-populistische Regierung an die Macht kommt – wie zum Beispiel ab September in Sachsen-Anhalt…“), viel Medieninteresse an Skandalen, bundesweites kollektives Aufregen über Sätze bei Wahlkampfveranstaltungen.
Gleichzeitig gibt es auch den Wahlkampf der anderen Parteien mit wesentlich weniger öffentlicher Aufmerksamkeit. Und ja, natürlich gibt es gleichzeitig auch echte Solidarität, aufrichtiges Interesse und praktische Unterstützung für die demokratische Zivilgesellschaft und ihre Aktivitäten.
Aktivismus und Sorgen
So fühlt sich Sachsen-Anhalt im Sommer 2026 an. Viel Aktivismus, viel „was wäre wenn“, viele Sorgen, viel Überforderung.
Eigentlich wissen wir alle, wie es gehen kann: Die Strategien des gewaltfreien Widerstandes sind vielfach erprobt und wissenschaftlich erforscht, es gibt zahlreiche Erfahrungen aus den USA, Polen, Ungarn, Lateinamerika und vielen anderen Ländern der Erde.
Doch wir wissen auch, wie viel Kraft und Energie diese Aktivitäten kosten, welchen langen Atem es braucht und wie viel Risikobereitschaft und die Bereitschaft, Nachteile in Kauf zu nehmen. Und wir sehen jetzt schon, wie sich Menschen und Einrichtungen wegducken, um nicht in den Fokus zu geraten. Wie Gestaltungsräume verengt werden, „falls mal jemand nachfragt“.
Es steht viel auf dem Spiel. Da geht es nicht nur um gewachsene Strukturen in der Demokratieförderung, politischen Bildung und Migrationsarbeit, sondern auch um Schulsozialarbeit, Grundbildung, Inklusion an Schulen, Erwachsenenbildung, die Kulturszene – alles Bereiche, die auf Finanzierung und Unterstützung durch Strukturen auf der Landesebene angewiesen sind.
Wie weit ginge im Worst Case die Solidarität aus anderen Bundesländern? Wie konkret und wie praktisch wäre sie?
Praktische Solidarität
Bangemachen gilt nicht. Empörung und Skandalgeschrei helfen niemandem weiter. Was also tun? Was hilft, sind Aufmerksamkeit und praktische Unterstützung für die demokratische Zivilgesellschaft und ihre Aktivitäten, gerade in den ländlichen Regionen. Ja, es gibt sie, und sie freuen sich über echtes Interesse und praktische Solidarität.
Im Worst Case ginge es ganz praktisch um finanzielle Unterstützung, damit NGOs, Sozial-, Kultur- und Bildungseinrichtungen auch ohne Landesförderungen durchhalten könnten. Was es gegen das Schwarzmalen und die Mutlosigkeit braucht, sind positive Zukunftsbilder einer solidarischen und menschenfreundlichen Gesellschaft und vor allem konkrete, sichtbare Schritte auf dem Weg dorthin und eine ansteckende Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Streiten wir also weiterhin entschieden und umso leidenschaftlicher für Solidarität, für Menschenwürde, für Nächstenliebe und Dialog.
Diese Werte stehen im Zentrum unserer katholischen Initiative Bewusst wählen anlässlich der Landtagswahl. Ich bin mir sicher: Wir werden diese Werte und unser Streiten für ihre Verwirklichung auch nach der Landtagswahl benötigen – völlig unabhängig davon, wie sie ausgehen werden.
Erich Kästner schrieb einmal: „Wird´s besser? Wird´s schlimmer?, fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.“
Nachtrag am 8. September 2026
Es ist schlimmer geworden. Der Worst Case steht vor der Tür. Leben ist seit Sonntag wesentlich gefährlicher für Minderheiten und für alle, die sich weiterhin sichtbar für eine solidarische und menschenfreundliche Gesellschaft einsetzen. Menschen werden das Land verlassen, andere wollen trotz allem bleiben.
„Egal wie es ausgeht: Wir stehen das gemeinsam durch.“ Das haben wir uns vorher gegenseitig zugesagt und daran wollen wir festhalten. „Wir machen keine Kompromisse mit unserer gelebten Solidarität.“, hieß es am Samstag auf dem Domplatz. Ob es uns gelingt? Welche Kraft und welche Nachteile wird es uns kosten? Steht noch dahin. Steht alles noch dahin.
Christine Böckmann ist Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung im Land Sachsen-Anhalt e.V. und vertritt pax christi bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus (BAG K+R).